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2 · Urgeschichte Alltag

Çatalhöyük

vor etwa 9000 Jahren Çatalhöyük, Türkei

Kurz gesagt

Çatalhöyük in der Türkei war ein großes Dorf aus Lehmziegelhäusern, die dicht aneinandergebaut waren, ohne Straßen: Man ging über das Dach mit einer Leiter hinein. Dort wohnten vielleicht einige tausend Menschen mehr als tausend Jahre lang. Die Wände waren mit Malereien und Stierköpfen verziert.

Warum das wichtig ist Es ist eines der am besten bekannten Dörfer der Jungsteinzeit und heute UNESCO-Welterbe.

Quelle: Treccani, Stichwort „Çatal Hüyük“

Bild: Çatalhöyük (Çatalhöyük, Türkei)
Bild, mit KI für Storiascopio erstellt
Çatalhöyük: Çatalhöyük, Türkei
Wo: Çatalhöyük, Türkei

Lernblatt etwa 5 Minuten Lesezeit

Die Geschichte

Eine Stadt ohne Straßen

Wenn du Çatalhöyük in der Türkei vor etwa 9000 Jahren von oben sehen könntest, sähest du keine Straßen und keine Plätze, sondern eine Fläche aus flachen Dächern, alle auf derselben Höhe, eines neben dem anderen, wie die Tasten einer Tastatur. Die Häuser waren aneinandergebaut, mit gemeinsamen Mauern, ohne Zwischenraum. Durchs Dorf zu gehen hieß, auf den Dächern von einem Haus zum anderen zu gehen, und um in ein Haus zu gelangen, musste man durch eine Öffnung in der Decke mit einer Holzleiter hinabsteigen. Aus derselben Öffnung zog der Rauch der Feuerstelle ab.

Der Name Çatalhöyük ist türkisch und bedeutet „Gabelhügel“: „çatal“ ist die Gabel und „höyük“ ein künstlicher Hügel, wie in Jericho aus Schichten übereinandergebauter Dörfer entstanden. Der Ort liegt in der Ebene von Konya in der Mitte Anatoliens. Heute ist es ein Feld mit trockenem Gras und zwei Hügeln, einem größeren und einem kleineren, aber früher erstreckten sich ringsum Sümpfe, Schilfgürtel und Felder.

Von der Entdeckung zu den modernen Grabungen

Der Hügel wurde 1958 vom britischen Archäologen James Mellaart bemerkt, der ihn als wichtigen Ort erkannte. Von 1961 bis 1965 grub er dort und brachte Häuser mit Wandmalereien ans Licht, die niemand erwartet hatte, und eine Tonstatuette einer sitzenden Frau mit zwei Raubkatzen an den Seiten. Mellaart dachte, es sei eine „Muttergöttin“, und Çatalhöyük wurde in der ganzen Welt berühmt. Nach ihm nahm ab 1993 eine neue Forschergruppe unter Leitung des englischen Archäologen Ian Hodder, mit Fachleuten aus vielen Ländern, die Grabungen mit modernen Techniken wieder auf: chemische Analysen, Untersuchung der Samen, der Tierknochen, der DNA. Diese Studien haben viele Vorstellungen der Vergangenheit korrigiert, und heute denkt man, dass die „Muttergöttin“ eine zu einfache Deutung ist.

Wie man lebte

Das Dorf war mehr als tausend Jahre lang bewohnt, etwa von 7100 bis 5700 v. Chr. Wie viele Menschen dort wohnten, ist nicht sicher: Die alten Schätzungen sprachen von Tausenden (von etwa 3500 bis 8000), aber eine neuere Studie von 2024 gibt auf dem Höhepunkt im Durchschnitt 600 bis 800 Einwohner an, weil nicht alle Häuser gleichzeitig bewohnt waren. Es war jedenfalls für seine Zeit eine sehr große Siedlung.

Die Häuser hatten einen rechteckigen Grundriss, aus ungebrannten Lehmziegeln, und hatten meist einen Hauptraum. Im Süden gab es eine Feuerstelle und einen Ofen; an den Wänden erhöhte Plattformen, wo man saß, arbeitete und schlief. Die Wände waren mit einem Kalk aus Ton weiß verputzt und viele Male erneuert. Unter den Plattformen bestattete man die Toten, manchmal viele Menschen im selben Haus, manchmal mit Perlen, Werkzeugen und Geweben. Die Kinder wuchsen zusammen mit ihren Vorfahren auf.

Die Bewohner aßen Weizen, Gerste, Linsen und Erbsen, hielten Schafe und Ziegen und jagten Auerochsen, Hirsche und Wildschweine. Sie machten Tongefäße, Holzschalen, Körbe und fertigten Schmuck und Spiegel aus Obsidian, einem schwarzen vulkanischen Glas, das von Vulkanen in Kappadokien kam, viele Kilometer entfernt: ein Zeichen für gut organisierten Handel.

Malereien, Stierköpfe und Symbole

Die Wände vieler Häuser waren mit roten und schwarzen Bildern verziert: Männer, die einen großen wilden Stier jagen, Geier, geometrische Muster, Handabdrücke. In anderen gab es Stierköpfe und Rinderhörner, von den Archäologen „Bukranien“ genannt, wie Trophäen im Gips eingelassen. Einige Räume hatten Reliefs von Leoparden. Diese Bilder hatten sicher eine religiöse oder symbolische Bedeutung, aber welche, ist noch weitgehend ein Rätsel.

Ein von Mellaart gefundenes Bild mit einer Reihe von Quadraten und einer großen Punktezeichnung wurde als Plan des Dorfes gedeutet, mit einem ausbrechenden Vulkan im Hintergrund, vielleicht dem Hasan Dağ. Es wäre die älteste bekannte Karte. Viele Forschende zweifeln aber an dieser Lesart und denken, es sei nur ein Zierornament.

Warum es verlassen wurde

Um 5700 v. Chr. wurde das Dorf nach und nach verlassen. Vielleicht war das Klima trockener geworden, vielleicht hatte der Fluss seinen Lauf geändert, oder die Felder waren zu stark ausgebeutet worden. Die Menschen zogen auf den nahen Hügel und dann an andere Orte. Nichts davon ist ganz sicher.

Heute ist Çatalhöyük eine der am besten erforschten Fundstellen der Jungsteinzeit und gehört seit 2012 zum UNESCO-Welterbe.

Warum es geschah

Çatalhöyük entstand an einem reichen Ort: einer fruchtbaren Ebene mit einem Fluss, der Wasser und fruchtbaren Schlamm brachte, und mit nahen Bergen, die Stein und Obsidian lieferten. Die Bewohner, die schon Ackerbau und Tierhaltung kannten, konnten auf reichlich Nahrung und viele Ressourcen zählen.

Nahe beieinander zu leben hatte Vorteile: Man konnte sich verteidigen, helfen, Nahrung und Gegenstände tauschen. Die Art des Hauses, mit gemeinsamen Mauern und Eingang vom Dach, bot Sicherheit und Wärme. Aber es verlangte viele Regeln darüber, was man tun durfte und wem jedes Ding gehörte.

Die neuesten Grabungen deuten darauf hin, dass die Gesellschaft nicht sehr hierarchisch war: Die Häuser sind einander ähnlich, und es gibt keinen offensichtlichen Palast oder Tempel. Die Macht scheint zwischen den Familien geteilt gewesen zu sein.

Was sich veränderte

Çatalhöyük zeigt, dass die Menschen schon vor 9000 Jahren in großen Gemeinschaften von Hunderten Einwohnern leben konnten, viel früher als die Städte Mesopotamiens. Es verändert die Vorstellung einer Geschichte, die in gleichmäßigen Schritten voranschreitet: Hier gibt es schon etwas, das einer kleinen Stadt nahekommt, ohne König, ohne Schrift und ohne Mauern.

Es hat auch die Probleme des gedrängten Lebens gezeigt. In den Resten findet man Spuren von Krankheiten, Infektionen und schlechter Ernährung, von Gewalt in bestimmten Zeiten, und angehäufte Abfallschichten in den Hohlräumen zwischen den Häusern. Zusammenzuleben verlangte neue Lösungen, und sie funktionierten nicht immer.

Für die Forschung ist die Fundstelle ein Vorbild: Die Forschenden arbeiten mit internationalen Teams, veröffentlichen die Daten und beziehen die örtliche Gemeinschaft ein. Viele heute in der Archäologie benutzte Methoden, wie die Untersuchung von Mikrospuren in den Fußböden, wurden hier erprobt.

Wichtige Menschen und Orte

Menschen

James Mellaart
Britischer Archäologe (1925-2012). Er entdeckte Çatalhöyük 1958 und grub dort von 1961 bis 1965.
Ian Hodder
Britischer Archäologe (geboren 1948), heute an der Stanford-Universität. Er leitet seit 1993 die Grabungen in Çatalhöyük und hat viele Vorstellungen darüber verändert, wie seine Bewohner lebten.

Orte

Çatalhöyük (Ebene von Konya, Türkei)
Zwei künstliche Hügel in der Ebene von Konya in Zentralanatolien, mit den Resten eines großen Dorfes von vor 9000 Jahren.
Hasan Dağ (Türkei)
Vulkan in Zentralanatolien, nahe Kappadokien, von dem der in Çatalhöyük benutzte Obsidian kam.
Konya (Türkei)
Stadt in Zentralanatolien, die der Fundstelle am nächsten liegt, heute auch berühmt für die tanzenden Derwische.

Gut zu wissen

  • Die Häuser von Çatalhöyük wurden etwa alle siebzig bis hundert Jahre an derselben Stelle neu gebaut, und so bildeten sich in tausend Jahren die Hügel aus Schichten.
  • Die von Mellaart in einem Getreidelager gefundene Statuette der „sitzenden Frau“ ist etwa 12 Zentimeter hoch und wird im Museum für anatolische Zivilisationen in Ankara aufbewahrt.
  • Aus dem Obsidian von Çatalhöyük machte man auch eine Art Spiegel, poliert, bis er das Gesicht spiegelte.
  • Das Wort „Bukranion“ kommt vom griechischen bous, „Rind“, und kranion, „Schädel“: Der Stierkopf kehrt in vielen Kulturen wieder, von Ägypten bis Kreta.
  • In Çatalhöyük wird die Grabungserde mit Wasser in großen Becken gewaschen, um auch die winzigsten Samen und Knochen zu bergen, die erzählen, was man aß.

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